Ich möchte euch diese Geschichte, für mich schon ein Abenteuer, erzählen, weil sie mich positiv ergriffen und emotional berührt hat. Es tut mir sehr gut und beflügelt mich, dass es in unserer manchmal sehr gefühlskalten Welt doch noch Lichtblicke gibt. Genau für diese lohnt es sich zu kämpfen, sich einzusetzen und zu helfen.
Angefangen hat alles mit einer Mail, die mich im August 2005 über meine Homepage (diese informiert nicht nur über die seltene Krankheit, sondern ich biete hier auch meine Hilfe an) erreichte: „Kenne einen Jungen aus Marokko mit XP und bräuchte für ihn einen Helm. Können Sie mir da weiterhelfen?“, las ich da. Skepsis stieg in mir auf. Woher kennt dieser fremde Mann diesen Jungen und woher weiß er, dass dieses Kind XP hat? Ich fragte noch einmal genauer nach. Zudem bin ich ja eine Frau und gebe zu, dass ich ein bisschen neugierig war. J Schnell bekam ich wieder Antwort. Wir vereinbarten ein Telefongespräch, auf das ich total gespannt war.
Das Telefon klingelte und jetzt bekam die Geschichte erstmal eine sympathische Stimme und einen Namen: GEORG aus Berlin, Rentner, alleinstehend, sehr offen, quirlig und freundlich. Euphorisch sprudelte er los: “Weste, Moni, ick hab` da `ne Ferienwohnung in Agadir/Marokko! Dort war ick schon sehr oft, doch diesmal is mir wat passiert, det globste net!“ Sein Dialekt gefiel mir. Aufmerksam hörte ich ihm zu, als er weitererzählte: „Etwas außerhalb von Agadir war ich an einer Tankstelle. Drei Jungs kamen auf mich zu und wollten Bagschisch, dass heißt, sie bettelten. Einer von ihnen hatte eine Decke über den Kopf gezogen und die rutschte ihm genau vor mir herunter. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Ein völlig zerfressenes Gesicht, dachte erst er hätte Lepra. Es war ihm sehr peinlich und er hob sofort die Arme vors Gesicht. Dann nahm er seine Decke und alle drei verschwanden. Mir ging dieser Junge den ganzen Abend nicht mehr aus dem Kopf. Ich wollte ihm helfen, deswegen fing ich am nächsten Tag an, ihn zu suchen. Ein paar Urlauber halfen mir dabei und es hat lange gedauert bis wir fanden ihn. Ich sprach mit seiner Mutter und sie war einverstanden, dass ich ihn nach Agadir ins Krankenhaus brachte. Die Ärzte stellten sofort die Diagnose XP. Sie könnten ihm nicht helfen, er muß sich nur vor der Sonne schützen.“ Georg machte ein kurze Pause, und ich hatte Zeit, das Ganze zu realisieren. Ich war überrascht und begeistert, dass XP mittlerweile sogar in Agadir erkannt wurde. Damit hatte ich nicht gerechnet und Freude stieg in mir auf. Auf meine Fragen nach dem Namen und dem Alter des Jungen erzählte Georg weiter: „Er heißt Ibrahim und ist 17 Jahre alt. Er ist sehr klein und unterernährt. Er dürfte die Größe eines 10-12jährigen Kind haben. Die Ärzte meinten, sie könnten ihn an der Nase und Lippe operieren. Das wäre notwendig, damit sich die Fliegen nicht so auf seine offenen Wunden stürzen. Ich willigte ein und bezahlte alles. Danach besorgte ich Ibrahim auf dem Markt neue Kleidung und etwas zu essen. Bald sprachen alle nur noch von Ibrahims reichen, deutschen Onkel.“ Georg lachte und setzte mit seinem Dialekt nach: „Auf meene Frage, wat ihm denn nu noch fehlte, sagte Ibrahim denne: na, `n Meedschen!“ Ich stimmte in sein Lachen mit ein. Danach wurde er aber wieder ernst und erklärte mir, dass es Ibrahims Mutter nicht gut fand, dass ihr Sohn im Krankenhaus lag. Ihr fehlte dadurch der Ernährer. Von Ibrahims Einnahmen durch das Betteln lebt die ganze Familie, zu der neben der Mutter und Ibrahim selbst, noch zwei Jungen (10 und 13 Jahre) und ein Baby gehört. Vater gibt es keinen.
Ich merkte, wie ich alles um mich herum vergass, da war nur noch Georgs freundliche Stimme: „Ach Moni, ich dachte mir, ich versuche Menschen zu finden, die sich mit dem praktischen Leben dieser Krankheit auskennen und mir ein paar Tipps geben können. Da bin ich auf eure Internetseite gestoßen und hier bin ich!“
Wow, da gibt es tatsächlich einen älteren Herren, der in der Nähe von Agadir einem XP Jugendlichen unter die Arme greift. Der nicht weg- sondern HIN schaut! Der sich für eine Sache aufopfernd einsetzt und dabei nicht über Geld spricht! Toll!!! Für mich stand bereits fest: Ich habe die Ehre, dort am anderen Ende der Leitung mit einem ganz besonderen Menschen zu sprechen. Ich bat Georg um etwas Zeit, damit ich meine Gedanken, die vor Begeisterung durcheinander gewirbelt wurden, sortieren konnte. “Det eelt net! Ende Oktober bin ick bei meener Schwester – die wohnt in der Nähe von München/Puchheim, wat `n Zufall, wa?? Dann treffen wir uns, ick würd mich freuen, dat wir uns kennenlernen und wir quatschen noch`n bisgen, wa?”
Diese Geschichte wühlte mich auf, ich konnte gar nicht richtig schlafen. Am nächsten Morgen noch bevor ich zur Arbeit fuhr, setzte ich mich an meinen Computer und schrieb Georg eine Mail: „Danke, dass es solche Menschen wie dich gibt !!! Dieses mußte einfach raus...
Ich machte mir viele Gedanken und stand schnell in den Startlöchern. “Aktion Ibrahim” nannte ich meine (bescheidene) Hilfe. Als erstes ließ ich mein persönliches Netzwerk arbeiten: Alle meine Freundinnen, Hockeykameradinnen und Arbeitskollegen erfuhren von der “Aktion Ibrahim”. Sie waren begeistert und begannen ihre Kleiderschränke auszumisten. Ich fing an, Klamotten für diese verarmte fünfköpfige Familie zu sammeln. Außerdem bemühte ich mich bei der Firma La-Roche um eine Spende von Sonnenschutzcreme mit Lichtschutzfaktor 60. Postwendend und absolut unbürokratisch erhielt ich ein Päckchen mit 10!!! (in Worten: zehn) Tuben Creme. Ich war von den Socken... Einfach toll!! Mein Mann bastelte für Ibrahim einen UV-Schutzhelm... – es brach ein Fieber der Hilfe aus. Wir waren alle infiziertJ.
Nach einiger Zeit stand alles reisefertig in Kartons verpackt, mußte nur noch abgeholt werden.
Georg meldete sich an! Jetzt bekam er endlich ein Gesicht. Es klingelte an der Tür und die Spannung stieg als ich ihm öffnete. Jetzt stand er wahrhaftig vor mir und wirkte sofort symphatisch, offen, ehrlich und interessant...
Wir lachten und ratschten, die Zeit verging wie im Flug und der Gesprächsstoff wollte nicht enden. Nachdem die “Spende” in sein Auto geladen war wünschte ich Georg einen schönen Urlaub. Er versprach mir, sofort Bilder von der Übergabe zu schicken, sobald er wieder da sei.
Doch dann kam alles ganz anders... Ein sehr enttäuschter, ernster Urlauber meldete sich Mitte Januar 2006 bei mir zurück: „Ach, Moni,“ fing er an, „ich finde es so schade, dass unsere Hilfe von Ibrahim und dessen Familie nicht angenommen wird.“ Er erklärte mir, dass die Krankheit XP bei Ibrahim ganz am Rande steht bzw. unbewußt ignoriert wird. Die Armut und der Hunger bestimmen den tagtäglichen Kampf ums Überleben. Das ist deren Lebensmittelpunkt und –inhalt. Bei dieser armen Bevölkerung fehlt die Bildung und das Grundverständnis. Die Kinder gehen nicht zur Schule und die Mutter arbeitet nicht. Georg und auch die Ärzte vom Krankenhaus konnten Ibrahim nicht verständlich machen an welcher Krankheit er leidet, was Krebs bedeutet und wie er sich auswirkt. Ibrahim hat wohl am Rande verstanden, dass es besser für ihn wäre, wenn er die Sonne meidet. Was wirklich hinter dem Krankheitsbild XP steht, das ist dieser Familie nicht zu vermitteln. Sie wissen am Abend noch nicht, ob sie am nächsten Tag genug zu Essen haben werden. Es dreht sich alles nur darum, wie man zu Geld kommt um nicht zu verhungern. Alles, was nicht am Leibe getragen wird, wird in Geld umgesetzt. Warum sollte er Sonnenschutzcremes auftragen, wenn diese mehr Geld bringen, als die Familie an einem Tage erbettelt?? Selbst die Tatsache eines vom Krebs zerfressenen Gesichtes läuft bei dieser Familie als Randerscheinung mit und wird akzeptiert. Die Schmerzen empfindet Ibrahim mittlerweile als normal. In meinem Bericht „XP und Psyche – Einleitung“ habe ich versucht zu erklären, dass es besser ist, XP als Botschafter zu betrachten als es zu bekämpfen, oder in der Opferrolle zu versinken. Im Falle von Ibrahim steht das Grundbedürfnis Hunger noch vor alle dem, sogar vor seiner Krankheit. „Eigentlich“ verständlich – „uneigentlich“ für uns Europäer fast nicht nachvollzieh- und vorstellbar.
Georg und ich wurden sehr nachdenklich und wir bemühten uns, es zu akzeptieren. Verstehen können wir es nicht. Uns ist jetzt bewusst, dass es eine andere Denkweise gibt: Warum vor XP schützen, wenn sie vorher verhungern?
Ich möchte diese Geschichte trotzdem mit einem positiven Satz beenden: Durch diesen Einsatz und dieser versuchten Hilfe durfte ich Georg kennenlernen und wir haben uns versprochen: Wir bleiben in Kontakt und werden uns auch weiterhin besuchen...
Moni
|